Gutes Niveau bei aktuellen Erbsensorten, es gibt aber noch einiges zu tun

Interview mit Dr. Olaf Sass von der Norddeutschen Pflanzenzucht (NPZ) zum Stand der Züchtung bei Körnererbsen

1. Die Erbse ist sehr variantenreich in ihrem Habitus: Es gibt Blatt-, semi- und leafless-Typen,  bunt oder weißblühende Typen sowie die Kornfarben gelb und grün. Welche Formen werden bei der Züchtung  von Körnererbsen derzeit schwerpunktmäßig bearbeitet? 

Dr. Olaf Sass: Wir bearbeiten ausschließlich halbblattlose Formen, da diese die bessere Standfestigkeit mitbringen. Weiterhin sind alle Typen, die die NPZ anbietet, weißblühend. Im Bereich der Samenfarbe liegt der Schwerpunkt auf gelbsamigen Formen, da diese von der Futtermittelindustrie (und z. B. auch von Emsland Aller-Aqua) bevorzugt werden. Es werden aber auch grünsamige Formen für den englischen Markt bearbeitet.

2. Die Standfestigkeit war beim Anbau von Körnererbsen lange Zeit problematisch, diese wurde durch die Züchtung von halbblattlosen Formen zunehmend verbessert. Welche pflanzenbaulichen Merkmale konnten in der Vergangenheit außerdem züchterisch verbessert werden? 

OS: Weitere agronomische Verbesserungen liegen in der Entwicklung von mittellangen Formen, die zudem eine gute Strohfestigkeit haben müssen. Im Bereich TKG und Proteingehalt sind keine grundlegenden Veränderungen in den letzten Jahren zu erkennen. Das liegt v. a. daran, dass der Ertrag als Merkmal an vorderster Stelle steht. Dass hier in der Vergangenheit deutliche Verbesserungen gelungen sind, ist in einzelnen Versuchen gut belegbar. 

Aber auch bei den produktionstechnischen Maßnahmen (wie z.B. sortenspezifische Saatstärken) gibt es voraussichtlich noch mehr Potential für Ertrags- und Qualitätsverbesserungen. Hierzu gibt es bislang jedoch noch zu wenig Ergebnisse, insbesondere für die neueren Sorten.

3. An welchen Eigenschaften wird bei Körnerfuttererbsen derzeit vorrangig gearbeitet?

OS: Ein hoher, stabiler Kornertrag mit möglichst guter Standfestigkeit und nicht zu später Abreife sind die primären Zuchtziele zurzeit. Die Erhöhung des Proteingehaltes wird in der Züchtung zunehmend wichtiger.  

4. Das Demonstrationsnetzwerk Erbse/Bohne  beschäftigt sich auch mit dem Einsatz von Erbsen und Ackerbohnen in der Humanernährung. Gibt es aus Ihrer Sicht Bestrebungen, dieses Thema aufzugreifen und was zeichnet eine Erbse bzw. Ackerbohne für den Humanernährungsbereich aus? Wo liegen die Unterschiede zur klassischen Futtererbse?

Unsere gelb- und grünsamigen Sorten sind ohne Einschränkungen auch direkt für die Humanernährung einsetzbar. Ich kann keine grundsätzlichen Unterschiede für die Nutzung in der Humanernährung und der Tierfütterung erkennen. 

5. Wenn wir einmal nach Großbritannien (UK) schauen: Dort werden sehr unterschiedliche Typen angebaut und verwendet (z.B. yellow, green, marrow fat). Warum gibt es diese Vielfalt gerade in UK? Könnte diese auch in Deutschland etabliert werden?

In UK gibt es traditionelle Rezepte (z. B. Mushy peas) mit Erbsen. Für diese werden grünsamige und Marrowfat-Erbsen (sehr großkörnig, aber auch grünsamig) benutzt. Weiterhin gehen diese Formen auch in die Snackindustrie (Wasabi-Erbsen) und ins Tierfutter (als grüne Flocken). In allen Bereichen könnten theoretisch auch gelbsamige Formen verwendet werden – das „Grün“ hat aber Tradition. 

In England gibt es jeweils Händler, die die entsprechenden Märkte gezielt bedienen. 

In Deutschland müssten sich einzelne Vertreiber/Händler auf solche Nutzungen spezialisieren und solche Marktsegmente bedienen. Die entsprechenden Sorten dafür wären auch bei deutschen Züchtern verfügbar. 

6. Die Beschreibende Sortenliste des Bundessortenamtes (BSA) enthält derzeit (Stand 2017) 19 Sommerfuttererbsen. Mittlerweile gibt es aber auch einige Wintererbsensorten. Wie ist die Bedeutung der Winterformen bei uns in Deutschland einzuschätzen?

OS: Die Winterhärte dieser Sorten ist bereits als relativ hoch einzuschätzen. Allerdings ist auch der Krankheitsdruck während des Winters hoch. Der Winteranbau birgt also insgesamt ein höheres Risiko als der klassische Sommererbsenanbau. Diesem Risiko steht für Wintererbsen ein Vorteil auf ganz besonders sommertrockenen Standorten gegenüber, da sie das Wasser besser nutzen und sehr früh abreifen.

7. Welche Chancen und Risiken von modernen Züchtungsmethoden sehen Sie für die Futtererbsenzüchtung?

OS: Risiken bestehen unseres Erachtens keine, da diese Techniken keine gentechnische Veränderung darstellen. Im Gegenteil, diese bieten interessante neue Ansätze für z. B. Resistenzzüchtung oder Qualitätszüchtung bei Körnererbsen, wo es noch viel zu tun gibt.  Wir hoffen, dass die rechtliche Lage bald klar ist, damit wir auch diese Möglichkeiten für die züchterische Verbesserung bei Körnererbsen voll nutzen können.

8. Was wird gebraucht, um Körnererbsen in Zukunft anbauwürdiger zu machen?

OS: Weitere Ertragsverbesserungen, kombiniert mit einem guten „Resistenzpaket“, gute Erntbarkeit und marktgerechte Qualitäten. Vieles davon ist bereits mit gutem Niveau in den aktuellen Sorten zu finden. Die Züchtung kann hier nicht alles leisten, sondern es muss auch auf der Vermarktungsseite mehr passieren. 

9. In der Praxis wird die Meinung vertreten, dass die Erbse wirtschaftlich nicht konkurrenzfähig ist, weil sie zu wenig Ertrag bildet. Kann der Ertrag noch gesteigert werden? Und wann ist mit ertragreicheren Sorten zu rechnen?     

OS: Ertragsfortschritte erfolgen gerade bei Selbstbefruchtern in kleinen Schritten. Je geringer der gesamte Input an Züchtung ist, desto geringer sind i.d.R. Ertragsfortschritte, die bei der Landwirtschaft ankommen. Da es auf der Züchtungsseite in Europa nicht viele vollwertige Zuchtprogramme  gibt, sind deshalb hier keine Wunder zu erwarten. Der Landwirt kann aber davon ausgehen, dass jede neue Zulassung auch intensiv auf ihre Ertragsfähigkeit geprüft worden ist.

10. Betreiben Sie auch eine Resistenzzüchtung? Falls ja, für welche Krankheiten sind Resistenzen in ihren Sorten vorhanden? 

Bisher wird standardmäßig die Resistenz gegen Fusarium oxysporum (Rasse 1) eingekreuzt. Gegen Falschen Mehltau und Grauschimmel wird in Feldversuchen auf eine Basisresistenz geachtet. Auf der Todo – Liste stehen Resistenzen gegen verschiedene Virosen, gegen den Ascochyta-Komplex sowie gegen Aphanomyces euteiches ganz oben – hier ist also noch einiges zu tun.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Sass.

 

Das Interview führte Kerstin Spory.

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Weblinks

Züchtung von Körnerleguminosen bei der Norddeutschen Pflanzenzucht, Hans-Georg Lembke KG, Hohenlieth-Hof 1, D-24363 Holtsee 

Sass O., 2009: Marktsituation und züchterische Aktivitäten bei Ackerbohnen und Körnererbsen in der EU, Journal Für Kulturpflanzen,61 (9). S. 306–308, 2009