Die Ackerbohne ist eine Widerspenstige

Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Link von der Georg-August-Universität Göttingen zum Stand der Züchtung bei Ackerbohnen.

1. In der beschreibenden Sortenliste des Bundessortenamtes sind derzeit zehn Sommerackerbohnensorten und eine Winterackerbohnensorte gelistet. Warum wurde der Ackerbohnenzüchtung in der Vergangenheit relativ wenig Aufmerksamkeit gewidmet?

Die privatwirtschaftlich organisierte Züchtung bearbeitet eine Pflanze so intensiv, wie es das Lizenzaufkommen (der Saatgutverkauf) ermöglicht. Mit den kleinen Saatgutumsätzen bei der Ackerbohne konnte bisher keine intensivere Neuzüchtung finanziert werden. Die Forschung konnte aber, auch dank einer gewissen Durchhaltementalität der praktischen Züchtung, aufrechterhalten werden.

2. Wie sind die aktuellen Sorten hinsichtlich ihrer agronomischen Eignung (Tanninfreiheit, Toleranzen & Resistenzen) einzuschätzen?

Die aktuellen Sorten verdienen größere Anbauflächen, sie sind im Vergleich zu den älteren Sorten in den letzten 20 Jahren in Ertrag und Standfestigkeit sehr verbessert. Es gibt auch überzeugend anbauwürdige tanninfreie und vicinarme Sorten. Das Resistenz-Niveau gegen Pilze, Viren, Bohnenkäfer und Läuse muss (weiter) verbessert werden. Ohne Schutz treten in entsprechenden Jahren Ertragsverluste auf.

3. Was bräuchten wir noch? An welchen Parametern muss demnach die Züchtung noch arbeiten, mit welcher Priorität?

Prioritäten sind subjektiv. Das mehr Wünschenswerte ist selten das leichter Machbare. Resistenz gegen den Bohnenkäfer und gegen die schwarze Bohnenlaus wäre äußerst willkommen, Durchbrüche aber sind noch nicht in Sicht. Aktuell sollten wir uns womöglich mit Virusresistenz beschäftigen; Virus-Epidemien treten mit vieljährigen Pausen auf, entsprechend mangelhaft waren Investition und Erfolg. Der Samenproteingehalt könnte wohl leicht züchterisch erhöht werden, wird aber nicht bezahlt und ist deswegen als Thema weniger attraktiv. Eine Hybridzüchtung wäre sehr vielversprechend, zur Erhöhung und Stabilisierung des Ertrags, gerade unter Stressbedingungen. Moderne Methoden würden wohl helfen, diesem Ziel näher zu kommen, allerdings nicht in nur 3-5 Jahren. Für das Thema Hybridzüchtung gibt es aktuell kein Projekt. Eine Liberalisierung der Register-Anforderungen bei der Zulassung von Sorten könnte dem Ertrag und der Stabilität helfen (Stichworte Heterogenität und Heterosis); das gilt zumindest, solange es keine Hybridsorten gibt.

(* Anm. der Redaktion: Derzeit wird dies beispielsweise bei Mais, Weizen und Gerste versucht: Bundessortenamt Zulassung von Populationen).

4. Auf welchen Gebieten waren in den letzten Jahren Erfolge bei der Züchtung von Ackerbohnen zu verzeichnen?

Im Ertrag; außerdem in der Standfestigkeit und Platzfestigkeit, in der synchronen Reife von Hülsen und Stroh, bei Tanninfreiheit und Vicinarmut. Aktuell steht eine neue Winterackerbohne mit Zielgebiet Deutschland in der Prüfung.

5. Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit der Ackerbohnenzüchtung. Auf welche Zuchtziele bzw. Eigenschaften sind Ihre Arbeiten an der Universität Göttingen derzeit schwerpunktmäßig ausgerichtet?

Seit langem arbeiten wir an der Nutzung der Heterosis (Hybridwüchsigkeit; zur Erhöhung von Ertrag und Ertragsstabilität). Hierzu gehört auch der Dienst, den die Bestäuberinsekten für Züchter und Landwirt leisten, indem sie durch ihren Blütenbesuch dazu beitragen, die Mischerbigkeit zu erhöhen. Unsere aktuellen Einzelmerkmale sind Frosthärte, Gemengetauglichtkeit von Ackerbohnen mit Weizen, Trockentoleranz, Vicinarmut, Ascochyta-Resistenz. Zur Kombination von Winterhärte und Vicinarmut beginnt gerade ein Verbundprojekt, in dem auch  Saatgut an das Demonstrationsnetzwerk Erbse/Bohnen für Schauversuche abgegeben wird. Aktuelle Ergebnisse und Daten aus diesem Projekt können so auf kurzem Wege weitergegeben werden. (Abo-Vici-Projekt)

6.  Zu den Wintersortentypen: Sie gelten als ertragreicher, wenn sie gut über den Winter kommen. In Deutschland ist bisher nur die Sorte Hiverna zugelassen. In Großbritannien - mit einem deutlich wintermilderen Klima - sind Winterackerbohnen weit verbreitet. Liegt hier noch viel Potential auch für den deutschen Anbau, dem sich die Züchtung stärker widmen sollte?

Ja, unbedingt. Wie gesagt, Prioritäten sind subjektiv. Ein großer Durchbruch wären winterharte Hybridsorten. Man soll die größeren Ziele auch bei den kleineren Arten nicht fürchten.

7.  Neue Züchtungstechniken  im Bereich Genome Editing
(wie z. B. Crisper-Cas) sind derzeit stark in der Diskussion. Können diese Methoden auch für die Ackerbohnenzüchtung relevant sein und wenn ja, was wären Anwendungsfelder?

Die Anwendungsfelder sind sehr vielfältig. Genome Editing ist viel versprechend, wo die Genetik eines Merkmals gut verstanden wird, und bei einfach vererbten Merkmalen. Nach entsprechender Vorarbeit könnte Insektenresistenz ein Thema sein, oder Pollenfreiheit als Werkzeug der Hybridsaatgut-Erzeugung. Ein Hindernis ist, dass sich Ackerbohnen aus Protoplasten oder über andere Varianten von Gewebekultur gar nicht oder nur schwierig zu Pflanzen regenerieren lassen. Die Ackerbohne ist auch 2017 noch eine Widerspenstige. Ihre Zähmung ist im Gange.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Dr. Link.

Das Interview führte Kerstin Spory.

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Weblinks

Georg-August-Universität Göttingen, Abteilung Pflanzenzüchtung, Arbeitsgruppe "Züchtungsforschung Ackerbohne", Prof. Dr. W. Link

Projekt Züchtung und Agronomie neuartiger, Vicin-armer Ackerbohnen und Einsatz als einheimisches Eiweißfutter

Link, W., 2009: Züchtungsforschung bei der Ackerbohne: Fakten und Potentiale, Journal Für Kulturpflanzen, 61 (9). S. 341–347, 2009