Virenbefall an Erbsen und Ackerbohnen - Rückblick auf das Jahr 2016

Interview mit Dr. Heiko Ziebell, Wissenschaftler am Julius-Kühn Institut in Braunschweig zum Befall mit Viren an Erbsen und Ackerbohnen 2016.

Im Sommer 2016 sind Nanoviren an Erbsen und auch Ackerbohnen in die Schlagzeilen geraten. Es gibt verschiedene Viren, die bei den beiden Körnerleguminosen auftreten, welche sind für die Anbauer von Bedeutung?

Das Erbsen-Enationenmosaikvirus oder auch scharfes Adernmosaikvirus (Pea enation mosaic virus, PEMV) kommt in Deutschland am häufigsten vor. Es ist auch in Österreich sehr verbreitet. Zum ersten Mal traten in diesem Jahr bundesweit auch Nanoviren (Pea necrotic yellow dwarf virus, PNYDV) auf. Diese wurden bis 2015 in Deutschland nur in Sachsen/ Sachsen-Anhalt entdeckt, in Österreich sind sie bereits seit längerem bekannt. Die sogenannten Luteo- oder Poleroviren treten ebenfalls vereinzelt auf. Hierzu zählen Bean leafroll virus (BLRV), Turnip yellows virus und Soybean dwarf virus. Das Vorkommen weiterer Viren wie die sogenannten Potyviren und Carlaviren ist eher zu vernachlässigen. (Übersichtstabelle Virenerkrankungen)

Wie sind diese verschiedenen Virenarten beim Auftreten auf dem Feld zu erkennen?

Die verschiedenen Arten sind anhand von Symptomen für Laien kaum unterscheidbar. Generell sind Pflanzen, die von Viren befallen sind, vergilbt, im Wuchs gestaucht und können verhärtete Blätter aufweisen. Bei dem scharfen Adernmosaikvirus (PEMV) sind die Symptome jedoch recht eindeutig: Es treten scharf abgegrenzte gelbe Flecken auf, die durchscheinend wirken, das sogenannte Fenster-Symptom. Vom Nanovirus (PNYDV) befallene Pflanzen sind im Wuchs stark gestaucht, die Blätter verkleinert, teilweise eingerollt. Luteo-/Poleroviren unterscheiden sich von ihren Symptomen kaum voneinander. Ein Virusbefall tritt in der Regel nesterweise in den Beständen auf, was mit der Übertragung durch Blattläuse zusammenhängt. (Übersichtstabelle Virenerkrankungen)

Wie findet die Übertragung statt?

Verschiedene Blattlausarten, die sogenannten Vektoren, übertragen alle genannten Virusarten. So kann das scharfe Adernmosaikvirus durch mindestens 10 verschiedene Blattlausarten, beispielsweise die grüne Erbsenblattlaus oder die grüne Pfirsichblattlaus, verbreitet werden. Nanoviren werden, wie die bisherigen Untersuchungen des Julius Kühn-Instituts zeigten, durch die Erbsenblattlaus, Kuhbohnenlaus, die Bohnenlaus sowie die Wickenlaus übertragen.

Für eine Übertragung müssen die Blattläuse mehrere Stunden bis Tage an infizierten Pflanzen saugen, um die Viruspartikel aufnehmen zu können. Bei der Abgabe der Viren an gesunde Pflanzen gilt das Gleiche. Diese Übertragungsweise nennt man „persistent“.

Treten die Viren nur an Erbsen und Ackerbohnen auf oder welche Pflanzen sind außerdem betroffen?

Die oben erwähnten Virenarten treten nicht nur an Ackerbohnen und Erbsen auf. Zu den weiteren Wirtspflanzen zählen verschiedene Leguminosenarten wie z. B. Wicken (Vicia sativa), Inkarnatklee, Kichererbsen, Linsen. An Sojabohne, Weißer und Blauer Lupine, Luzerne, Bohne (Phaseolus vulgaris) Rotklee, Weißklee, Winterwicke (Vicia villosa) wurden sie bisher nicht gefunden.

Gibt es geographische Unterschiede beim Auftreten von Viren?

In küstennahen Regionen mit viel Wind, den sogenannten Gesundlagen, treten Blattläuse und damit auch Viren tendenziell weniger auf. Ein bundesweites Monitoring für das Auftreten von Blattläusen fehlt jedoch. Das Auftreten scheint auch mit der regionalen Anbau-Verteilung von Erbsen und Bohnen zusammen zu hängen.

Wie häufig konnten Sie bei Ihren Untersuchungen im Sommer 2016 Virenbefall feststellen?

Von den mehr als 450 Proben mit erkrankten Erbsen- und Ackerbohnenpflanzen, die aus ganz Deutschland in diesem Sommer zu uns geschickt und untersucht wurden, enthielt die Hälfte Nanoviren (PNYDV). Deutlich stärker trat das Erbsen-Enationenmosaikvirus (PEMV) auf (bei 70 Prozent der Proben). Luteo-/Poleroviren identifizierten wir in 25 Prozent der Proben. Häufig gab es auch Mischinfektionen mit verschiedenen Viren. (Übersichtstabelle Virenerkrankungen)

Zu den Ertragsverlusten: Wie stark waren dann die Ausfälle 2016?

Zu den Ertragsausfällen liegen keine Untersuchungen vor. Die Ertragsminderungen werden nach Schätzungen durch die Ergebnisse der Demobetriebe im Demonstrationsnetzwerk Erbe/Bohne auf Null bis 50 Prozent Verlust beziffert. Allerdings sind die Ursachen der Ertragsausfälle nicht eindeutig zuzuordnen. Zudem traten nicht überall im Bundesgebiet Nanoviren auf.

Wie können Anbauer zukünftig einen Befall mit Viren verhindern?

Eine frühe Infektion mit dem Nanovirus verursacht in der Regel den größten Schaden. Weitere Beobachtungen müssen allerdings erst zeigen, ob frühe Saaten von Erbsen und Ackerbohnen aufgrund ihrer fortgeschrittenen Entwicklung bei späten Blattlauseinflügen weniger geschädigt werden. Ein Aspekt, der zukünftig beobachtet werden muss, ist außerdem, ob Erbsen im Gemengeanbau weniger geschädigt werden als in Reinsaat.

Das Vorhandensein von Nützlingen kann die Befallsstärke ebenfalls beeinflussen. Nanovirus- anfällige Leguminosen wie Erbsen und Wicken sollten beim Anbau von Zwischenfrüchten vermieden werden.

… und wenn der Virusbefall bereits im Bestand aufgetreten ist?

Eine direkte Virusbekämpfung ist nach einem Befall nicht mehr möglich. Es bleiben daher nur indirekte Maßnahmen. So kann die Bekämpfung der übertragenden Blattläuse mit insektiziden Mitteln die Infektionskette unterbrechen. Im ökologischen Anbau stehen -wenn überhaupt - nur Kontaktmittel zur Verfügung. Diese müssten häufiger ausgebracht werden, was die Wirtschaftlichkeit des Anbaus in Frage stellt.

Der zuständige Pflanzenschutzberater sollte bei einem Befall informiert werden, damit ein Virusverdacht bestätigt werden kann.  

Welche Fragen sind noch offen?

Für die Forschung sind derzeit noch viele Fragen offen, so z. B., wie die Überwinterung des Virus vonstattengeht, ob weitere Blattlausarten die Viren übertragen und durch welche Anbaustrategien die Ausbreitung vermindert werden kann.

Die Züchtung von resistenten Sorten, die erst gar nicht von Viren befallen werden, könnte interessante Alternativen bieten. Bei Gemüseerbsen gibt es bereits resistente Sorten gegen z. B. das PEMV. Allerdings sind resistente Sorten nicht in zwei/drei Jahren auf dem Markt und Mutationen der Viren können diese Resistenzen nach einer gewissen Zeit durchbrechen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Ziebell.

Das Interview führte Kerstin Spory.

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Nanoviren an Erbsen